Von der Illusion der Freude

Die Franken des PHANTOM WINTERs sind spezielle Gesellen, die auf den Festival-Samstag eine düstere Aura zu legen wissen. „Sundown Pleasures“, das nunmehr zweite Album, eine sowohl akustisch als auch textlich harte Auseinandersetzung mit dem Sein, ging im August an den Start und läuft wie hupatz, sprich, PHANTOM WINTER sind definitiv eine Band, die es gilt, unbedingt auf dem Radar zu erfassen und dort festzunageln. Bereits OMEGA MASSIF waren sehr speziell, doch PHANTOM WINTER fristen mit ihrer musikalisch äußerst derben Ausrichtung zwischen den Stühlen ein steigend beachtetes Dasein. Gründe genug für die  Verpflichtung zum MORBVS MAXIMVS.

Für ein paar Details zum Leben nach OMEGA MASSIF ermutigten wir Initiator Andreas zur Nutzen seines Mobiltelefons im Straßenverkehr.

MM: Über den Abgang von OMEGA MASSIF wurde sicher andernorts schon genügend debattiert. PHANTOM WINTER ist zumindest eines der drei bekannten Folgeprodukte. Was ist für dich der wesentliche Unterscheid zu deinem vorherigen Wirken bei OMEGA MASSIF?

Andreas: OMEGA MASSIF war eine Gemeinschaftsproduktion, was das Songwriting angeht. Hier schreibe ich die Songs komplett und wir feilen nur noch an ein paar Ecken zusammen. Das macht die Songs zielgerichteter und der Schreibprozess geht schneller. Außerdem muss ich hier jetzt Songs schreiben, die zu meinen Texten passen. Es ist mir wichtig, dass Melodie, Rhythmus etc. mit dem Text Hand in Hand gehen. Bei OMEGA MASSIF mussten Texte nicht berücksichtigt werden, da es keine gab.

MM: Genau, das war ein konsequentes Markenzeichen von OMEGA MASSIF, dass menschliche Laute die Musik nicht begleitet haben. Zudem fließen neben den Erfahrungen der Vorgänger-Band auch andere Elemente in das Erscheinungsbild von PHANTOM WINTER ein. Woher nimmst du deine schöpferischen Impulse?

Andreas: Das ist im Prinzip ein Teil von dem, was mir im Kopf herumschwirrt (Texte) und das, was aus mir herausbricht (Musik).

MM: In dem Zusammenhang ist es natürlich spannend zu erfahren, was für Gedanken deinen Kopf gelegentlich verlassen. Dafür, dass es PHANTOM WINTER auch erst zwei Jahre gibt, ist das nunmehr zweite Album schon ein Beweis dafür, dass da im produktiven Sinne so einiges ans Licht will.

Andreas: Das Album ist an das klassische Drama angelehnt. Zunächst wird in einer Exposition die Situation geschildert („Sundown Pleasures“), Menschen, die mit ihrem Leben nicht mehr so richtig zurechtkommen und sich mit „Sundown Pleasures“ daran hindern, einfach aufzuhören. Es bleibt vage, was letztendlich der Auslöser und das konkrete Szenario ist. Job, Beziehung, Freundschaften, alles kann problematisch ausufern. In einer Steigerung („The Darkest Clan“) wird nun der Konflikt verdichtet, ein lyrisches Ich will aus der Situation herausbrechen, eine Lösung finden, aber wird immer wieder daran gehindert. In der letzten Strophe des Songs wird aber deutlich, dass alle Sorgen obsolet sind und ein glückliches Leben möglich sein könnte. Die Peripetie der Geschichte wird nun symbolisch angegangen. In „Bombing The Witches“ (Unterdrückung der Frau, Patriarchat) und „Wraith War“ (Religion) werden exemplarisch zwei Aspekte angesprochen, die einen glücklichen Ausgang unmöglich machen. Im retardierenden Moment („Black Hole Scum“) gibt es einen Hoffnungsschimmer, der fiktive Charakter könnte doch noch Glück finden unter seinesgleichen. Aber die Katastrophe lässt nicht lange auf sich warten. Am Ende wird die Figur im „Black Space“ säen und ernten. Trotz oder gerade wegen der Trostlosigkeit, die das Lied ausstrahlt, bleibt offen, ob das nun negativ zu bewerten ist, oder einfach die natürliche Umgebung eines Mitglieds des „Darkest Clan“, also einem „Black Hole Scum“ ist. Was bleibt, ist eine Zwischenstufe aus Höhen und Tiefen. Es gibt nicht nur Null und Eins, das Leben besteht aus Milliarden Zwischenstufen.

MM: Angesichts der inhaltlichen Versiertheit, was kann der Besucher von einem PHANTOM WINTER-Konzert erwarten?

Andreas: Ein Besucher hat unsere Show mal als „Gottesdienst“ bezeichnet. Wir erweitern das mal: ein „Gottesdienst ohne Gott“ – karg, minimalistisch, ausufernd. Auf störende Ansagen verzichten wir gänzlich. Wir danken demnach hier schon mal ganz offiziell den Veranstaltern und allen Beteiligten für die Einladung, Speis und Trank und Unterkunft. Und natürlich dem Publikum fürs Beten. Ohne Gott.

MM: Wenn ich das inhaltliche Konstrukt nicht schon von dir erfahren hätte, würde ich glatt wissen wollen, ob denn „Sundown Pleasures“ nicht eine Art Gottesbuch oder Gebetstext ist.

Andreas: Prinzipiell ist das ein Wortspiel, abgeleitet vom JOY DIVISION-Album „Unknown Pleasures“. Ian Curtis ist ein Beispiel für einen Menschen, der sich nicht mehr durch „Sundown Pleasures“ am Leben halten konnte. Von einem Gebet sind wir sehr weit entfernt. Wir bilden nur ab.

MM: Unumstritten ist Ian Curtis eine inspirierende und äußerst dramatische Figur in der Musikgeschichte. Wie wichtig ist dir denn, in deinem Tun verstanden zu werden?

Andreas: Ich freue mich sehr, wenn sich jemand für die Texte und die Musik interessiert. Jede Nachfrage ist sehr willkommen. Es stecken viel Arbeit, Energie, Muse und ein Teil von mir selbst darin. Im Prinzip macht es mich glücklich, wenn jemand irgendetwas aus PHANTOM WINTER schöpfen kann. Und wenn es nur eine unterhaltsame Autofahrt ist. Oder ein überstandener Arbeitstag.

MM: Das hinterlässt den Eindruck eines bescheiden fordernden Menschen. Was erwartest du aber von einem Festival der Extreme? Du gastierst ja bereits ein zweites Mal im Eastclub.

Andreas: Zunächst einmal freuen wir, ich will da auch mal für Martin, Björn, Krikra und Christof sprechen, über den Zeitplan! Der Beginn unseres Sets um 21 Uhr ist spitze. Nicht zu spät, nicht zu früh, wir können also danach in aller Ruhe noch ein oder fünf Bier trinken. Ansonsten finden wir es spitze, dass der Samstag so schön gemischt ist, rein musikalisch. Wir spielen sehr gerne mit Grind-, D-Beat, Death Metal-Bands zusammen. Das ist viel unterhaltender als fünfmal die gleiche Richtung! Wir erwarten also insgesamt „Extreme Aggression“ und ne ordentlich Portion „Nuclear Winter“.

MM: Und eine ordentliche Dosis HERDER.

 

Karsten Richter