Vom Ringen um Erleuchtung in finstrer Nacht

Spannend wird unser Festival-Freitag allemal, doch mit den Berliner Verehrern leuchtender Himmelskörper, SUN WORSHIP, zieht nicht etwa eine Kompanie Malle-Jünger ins Feld als vielmehr eine der interessanteren deutschen Black Metal-Bands der Stunde, die dieses Jahr via GOLDEN ANTENNA ihr zweites volles Album veröffentlichten. Die Berliner wissen, auch gerade Hörer klassischerer Nuancen trotz ihres modernen Auftretens zu beglücken.

Da SUN WORSHIP wohl am effektivsten des nächtens funktioniert, stand mir ein Drittel der Besatzung in Form von Gitarrist und Sänger Lars zur Beantwortung einiger weniger Fragen zur Verfügung.

MM: Gerade eben laufen sicher die Vorbereitungen auf Hochtouren, um mit ULTHA die Straße angesichts einer achttägigen Rundreise betreten zu können. Wie sind die Erwartungen in Hinblick auf die Tour?

Lars: Wir gehen da relativ entspannt ran. Mit ULTHA waren wir noch nie zusammen länger unterwegs, aber wir kennen und verstehen uns ganz gut, insofern wird das schon ein rundes Ding. Außerdem versprechen fast alle Shows, in irgendeiner Hinsicht speziell zu werden. Wir haben noch nie in der Schweiz oder in Südtirol gespielt und sind entsprechend gespannt darauf.

MM: Nach der Tour geht’s für Euch zusammen mit UNRU ja auch nach Moskau. Wie kommen derartige Reisen zustande? Russland baut sich ja zu einer immer spannenderen Angelegenheit auf…

Lars: Wir wurden von Ritual Booking dorthin eingeladen. Es scheint Hand und Fuß zu haben, was Oleg dort veranstaltet (BÖLZER, MGŁA, SERPENTS LAIR, GNAW THEIR TONGUES, CIRCLE OF OUROBORUS (!)), und ja, eine spannende Angelegenheit wird es auf jeden Fall. Alles, was man so über Russland hört oder liest, muss ja nicht zwangsläufig das alltägliche Leben der Leute reflektieren, die weitestgehend unsere Interessen teilen. Es ist zudem immer besser, Dinge aus erster Hand zu erleben, und für eine Show eingeflogen zu werden, ist in der Hinsicht ein unglaubliches Privileg.

MM: SUN WORSHIP sind nun zweifelsohne zu den Vertretern eines frischen und modernen Black Metals zu rechnen, die sich stilistisch an den alten Tagen dieser Landschaft aufrichten, aber im gesamten Erscheinungsbild sehr zeitgemäß, wenn nicht gar untypisch daherkommen. Wie wichtig sind Euch klassische Attitüden? Ihr verzichtet unter anderem nicht nur auf platte Pseudonyme, sondern, zumindest auf den Veröffentlichungen, komplett auf Angaben zu Namen und Wirken von Musikern.

Lars: Personenkult und das ernsthafte Betreiben von Kunst schließen sich meiner Ansicht nach aus – es sei denn, der Personenkult i s t die Kunstform oder ein essentieller Teil davon, aber das trifft nunmal nicht auf uns zu. Wenn die klassische Attitüde gleichbedeutend damit ist, die Musik in den Vordergrund zu stellen und sich dem Rest so gut es geht zu verweigern, dann ist diese ziemlich wichtig, ja. Untypisch für uns ist es vielleicht, dass wir musikalisch eigentlich viel traditioneller sind, als man von uns erwarten würde. Wir zelebrieren da so ein wenig den Widerspruch, gerade weil es letzten Endes wirklich nur um die Musik geht beziehungsweise gehen sollte.

MM: Um den Gedanken gleich mal weiterzuführen: Was bedeutet für Euch Black Metal angesichts einer mittlerweile riesigen Szene mit den verschiedensten Akteuren, unterschiedlichsten Strömungen und verrücktesten Einflüssen? Welchen Bands steht Ihr musikalisch und menschlich beispielsweise nahe? Wie wertet Ihr den Hype um isländischen Black Metal und das Drängen nach den alten Werten der Szene?

Lars: Ich glaube, dass die meisten Leute, die nach „alten Werten“ drängen, nicht verstehen, dass Black Metal eine sehr heterogene, uneindeutige Sache war, die erst ab Mitte der 90er durch die populäre Explosion definiert wurde und im gleichen Moment gewissermaßen durch war. Insofern ist meine Haltung zu Black Metal äußerst ambivalent. Ich habe hohen Respekt vor der musikalischen Ausdrucksform, die mich sehr stark inspiriert, und der bis zur Selbstaufgabe bedingungslosen spirituellen Hingabe an diese, aber nicht so sehr vor allem anderen, und ich glaube, das verbindet uns zum Bespiel mit Bands wie UNRU, ULTHA, YELLOW EYES – oder auch ESPEN AND TH WITCH, die zwar musikalisch anders sind, aber mit der gleichen entspannten Ernsthaftigkeit an ihre Sache heran gehen. Für mich richtet sich Black Metal primär nach innen statt nach außen, was vielleicht auch ein Stück weit erklärt, warum ich mit so wenig von dem, was sich Black Metal nennt, etwas anfangen kann. Mit isländischem Black Metal kenne ich mich nicht gut aus, ein etwaiger Hype ging an mir vorbei, so etwas interessiert mich auch nicht. Mir gefallen MISÞYRMING recht gut, das war’s auch schon.

MM: Mit „Pale Dawn“ liegt über GOLDEN ANTENNA ein großartiges aktuelles Album vor. Wie seid Ihr zufrieden mit der Platte, wie läuft die Scheibe, wie sind die Rezensionen? Wurden für die edle Aufmachung einmal mehr italienische Hände beschäftigt?

Lars: Der Entstehungs- und Aufnahmeprozess war teilweise sehr anstrengend und frustrierend für mich persönlich. Vor dem Hintergrund bin ich schon sehr zufrieden mit dem Endergebnis, obwohl sich mir bei manchen Dingen die Fußnägel aufrollen, wenn ich mir sie anhöre. Rezensionen sind meistens ein Ärgernis, auch wenn sie oberflächlich gut sind, es gab zwei bis drei, bei denen ich den Eindruck hatte, dass die Leute sich tatsächlich mit der Platte beschäftigt haben. Die meisten Ideen zur Aufmachung kamen von uns, Raoul (VIEW FROM THE COFFIN) hat diese dann perfekt umgesetzt, was nicht anders zu erwarten war.

MM: Das auf „Pale Dawn“ geschaffene Gesamtbild wird bestimmt durch eine von meist extrem rasanten Tempi getragene, sphärische Dichte. Komplexe Flächen versetzt mit gezielt monotonen Ebenen, die den Hörer einfach ausklinken lassen. Tieftöner werden in Ermangelung eines Bassisten nach wie vor ausgelassen? Inwieweit steht „Pale Dawn“ für ein neues Kapitel in der Band?

Lars: Für unsere Sound-Ästhetik brauchen wir nach wie vor keinen Bass. Ich weiß noch nicht, wo sich „Pale Dawn“ einordnen lassen kann oder wird. Wir haben zielgerichtet auf ein Album hin gearbeitet, das war bei „Elder Giants“ noch anders. Es ist in der Hinsicht vielleicht weniger ein neues Kapitel als ein weiterer Orientierungspunkt.

MM: Hier in Bischofswerda sieht man gespannt dem Festival und seinen Akteuren entgegen. Was kann das MORBVS MAXIMVS von einem SUN WORSHIP-Auftritt erhoffen?

Lars: Ich finde es immer besser, wenig bis gar nichts zu erwarten, als zu viel. Es könnte aber sein, dass es ganz gut wird.

MM: Davon gehen wir fest aus.

Karsten Richter