Schweres Gewölk am Horizont

Neben SUN WORSHIP zählen ULTHA mit zu den momentan spannendsten Geschichten der deutschen Black Metal-Szene; und das nicht nur, weil hier der konventionelle Faktor nicht die tragende Rolle spielt und Genre-Grenzen der künstlerischen Auseinandersetzung weichen müssen, sondern vielmehr, weil deren bisherige Veröffentlichungen, ein 2015er Album und eine 2016er EP, eine bedrückend bizarre Intensität ausstrahlen. Die erst seit zwei Jahren unter dem Namen ULTHA agierenden Kölner, deren einzelne Vergangenheiten unter anderem bei Institutionen wie PLANKS oder GOLDUST beschrieben wurden, treten just in diesen Tagen mit den Berlinern SUN WORSHIP einen Kreuzzug an.

In Vorbereitung auf deren beider Teilnahme am MORBVS MAXIMVS unterhielt ich mich mit Sänger und Gitarrist R, der sehr viel zu sagen hat, aber von bestimmten Themen einfach mal nichts mehr wissen mag. Ein spannungsreiches und interessantes Interview, was es lohnen würde, zu vertiefen, aber das dann unweigerlich hier den Rahmen zu sprengen weiß.

MM: Verfolgt man die Entwicklung im Black Metal, gibt es vielerlei Gesichtspunkte, unter denen es lohnt, die Szene zu betrachten. Auffallend ist, dass Black Metal nach wie vor nichts an Aktualität eingebüßt hat und im Gegenteil ein immer attraktiveres Genre für vormals auch Nichthörer darstellt. Welchen Blick hast du auf die Szene?

R: Ich weiß nicht, ob ich einen Blick auf „die Szene“ als Ganzes habe. Ist eh die Frage, inwieweit man das haben muss oder sollte. Wie in jeder anderen Musikrichtung auch ist das Universum und die Bandbreite an Bands wirklich unüberschaubar. Da gibt es so elend viele Unterkategorien und gerade die Metal-Szene ist ja sichtlich darum bemüht, alles in Schubladen zu packen. Ich würde behaupten, viele Schubladen zu kennen und genau zu wissen, welche ich aufmachen muss, um für mich etwas Interessantes zu finden. Solche Sachen wie „Bestial Black Metal“, „War Black Metal“ oder „Pagan Black Metal“ geben mir meistens wenig bis nichts. Für mich war es immer in erster Linie melancholische, mystische und negativ angelegte Musik – Brutalität oder Folklore sind für mich wenig ansprechend. Bands, die meine zuvor erwähnten Attribute in ihrem Sound irgendwie integrieren, könnten für mich erstmal interessant sein.
Aber sagen wir es so: Ich beschäftige mich seit 1993 mit Black Metal als musikalische Ausdrucksform. Mir ist diese Art der härteren Rock-Musik über all die Jahre immer wichtig gewesen und ich habe verfolgt, was so passiert. Mit dem Hype bis 1996/97, der danach folgenden Übersättigung der Szene und dem Ende des damaligen Hypes kamen und gingen viele Bands und Akteure. In der Zeit bis zum Wiederaufblühen als Trend-Musik vor fünf bis sechs Jahren und jetzt kurz vor dem Umbruch, bei dem viele Trendhopper wieder gehen werden, ist viel passiert. Meiner Meinung nach sind gerade n a c h dem Ende des Hypes um das Millennium herum bis eben vor fünf bis sechs Jahren die wichtigsten Bands entstanden, die mich bis heute im Schreiben dieser Musik nachhaltig beeinflussen. Dies vor allem in den USA, wo man sich getraut hat  wegzugehen von den skandinavischen Blaupausen und begann, immer mehr Klischees abzuwerfen.

Ein Stichwort zwängt sich mir beim Thema moderner Black Metal förmlich auf, wenn ich mir Akteure wie DEAFHEAVEN vor Ohren und besonders Augen führe: Hipster-Black Metal. Früher schrie man Ausverkauf. Wie geht Ihr mit dem allgemeinen Hype um die schwarze Szene um? Wie wichtig sind in diesem Zusammenhang überhaupt noch klassische Trademarks?

R: Dieses Thema, ähnlich wie die Diskussion, ob man mit einem DIY-Background in anderen Szenen automatisch eine „linke“ Black Metal-Band darstellt, ist sehr leidig. Ich denke aber, gerade im Kontext eines Festivals wie dem MORBVS MAXIMVS, wird es einige Puristen geben, die am Ende wieder über Bands wie SUN WORSHIP urteilen, nur aufgrund deren Aussehens. Mir ist es grundsätzlich ziemlich egal, wie jemand aussieht, der eine gewisse Art von Musik spielt. Es geht mir darum, ob das, was die Band macht und wie die Protagonisten sind, glaubwürdig ist. SUN WORSHIP und zum Beispiel UNRU sind  Musterbeispiele für das, was die Traditionalisten als Hipster-Black Metal bezeichnen, weil sie nicht in den standardisierten Uniformen auftreten, weil sie eventuell Vegetarier sind oder den Mund aufmachen und sagen, dass Nazis scheiße sind. Das diese beiden Bands aber in diesem Jahr mit die spannendsten Alben im weiten deutschen Black Metal-Kosmos veröffentlicht haben und wirklich erstklassige Livebands sind, geht dabei meistens unter. Diese Bands, ebenso wie wir, lieben diese Musik aus einem persönlichen Bezug, wie diese Musik wirkt, was sie ausdrücken kann und was man kreativ in ihr alles erschaffen kann. Wir spielen diese Musik nicht, weil es gerade einen Hype um diese Musik gibt.
Im Gegensatz dazu stehen aber die Scharen an Bands, die wegen Acts wie DEAFHEAVEN auf einmal von einem Genre zum nächsten abwandern. Die besorgen sich dann erstmal ein DARKTHRONE-Shirt bei Ebay, kaufen den IMMORTAL-Back-Katalog bei Discogs und stellen sich Kerzenständer von Oma auf die Bühne. Und da sind sie dann nicht anders als viele jüngere „echte Black Metaller“. Dieses gezielte „sein Wollen“ von irgendwas führt bei mir zu Fremdscham, ebenso wie dieses verbohrte Festhalten an Traditionen, wo alles, was innovativer ist als „Deathcrush“, automatisch Hipster-Scheiß ist.

MM: Um bei der Musik anzuknüpfen, ist hier das Spannende, dass Ihr Euch genre-fremden Einflüssen nicht verwehrt, also auch Dark Wave und Doom mit den sphärischen Teppichen klassischer Helden verbindet. Unterm Strich entsteht dadurch sehr viel Tiefe und eine schaurig schwere Dynamik. Was ist für Euch musikalisch noch vorstellbar? Gibt es Grenzen, was Black Metal sollte und was nicht?

R: Was eine Musikrichtung „sollte“, steht konträr zur schöpferischen Idee der Kunst. Musik darf alles sein, was den Künstlern als gerechtfertigt erscheint, um ihr Gefühl oder ihre Intention zum Ausdruck zu bringen – es sollte nur glaubwürdig sein. Und das ist es eben bestenfalls: Ein glaubwürdiger Ausdruck von Gefühl. In München fragte mich auf einem Konzert ein Besucher „Als was würdest du eure Musik bezeichnen? Weil, ihr seid ja Black Metal, aber auch langsam.“ Da musste ich dann die Stirn runzeln. ULTHA ist nicht dies oder das – ULTHA ist ein Kollektiv aus fünf Individuen, die eine sehr große Bandbreite an Musik unterschiedlicher Couleur mögen. Da, wo wir einen gemeinsamen Nenner finden, in Gefühl und Soundästhetik, darauf lassen wir uns ein und das hat dann eben eventuell auch Einfluss auf unseren Sound. Das waren bis jetzt eben primär Elemente aus Black Metal, Doom und Dark Wave, kann sich aber auch weiter verschieben. Wir spielen diese Musik ja in erster Linie nicht für andere, sondern für uns.

MM: In Kürze erscheint eine Split mit den Kollegen von MORAST als Tribut an die mächtigen BATHORY. Welchen Stellenwert hat denn Quorthon für das Wirken von ULTHA?

R: Die Split mit MORAST ist übrigens bereits veröffentlicht und wir werden sie bei der Show dabei haben. Quorthons Stellenwert für diese Musik muss ich wohl niemandem erklären. Ich finde, BATHORY waren wesentlich wichtiger für Black Metal als VENOM oder HELLHAMMER. Aber das ist nur meine Meinung. Das soll nicht heißen, dass eine Band besser als die andere war/ist, sondern nur, dass Quorthon mit den ersten drei Alben die eigentliche Blaupause für diese Musik gelegt hat. Wir alle schätzen BATHORY und jeder hat sein Lieblingsalbum. Die Gefühle für diese Band gehen von mögen bis lieben – aber direkten musikalischen Einfluss auf ULTHA hat BATHORY erstmal nicht. Unser Sound ist eher geprägt vom US-amerikanischen Sound der letzten fünfzehn Jahre. Trotzdem sind sie eben die Väter und somit war es uns eine Ehre, einen Song zu covern. Wobei ich eher sagen würde, es ist eine Interpretation, denn wir haben das Original schon ziemlich demontiert und uns zu eigen gemacht. Einen Song eins zu eins nachzuspielen, ist zu leicht.

Ihr sprecht im Pressetext von intensiven Live-Shows. Was mag das für unser Festival bedeuten?

R: Was den Pressetext angeht: Dass wir eine „intensive Liveband“ sind, kam nicht von uns. Es wurde uns aber oft gesagt, dass unsere Konzerte so empfunden werden. Wir spielen halt, wie wir spielen. Da ist eventuell etwas mehr Bewegung auf der Bühne als bei anderen Vertretern dieses Genres, und wir achten darauf, dass durch das rote Licht, den Nebel und die dauerhafte Soundwand eine eher hypnotische Atmosphäre entsteht. Aber im Endeffekt spielen wir nur so, wie wir selbst gerne eine Band sehen würden. Ob das dann für einen Zuschauer „intensiv“ wird, kommt auf die einzelne Person an, ob sie sich darauf einlassen kann und in welchem Gemütszustand sie sich befindet. Wenn aber nach dem Konzert ein Mensch zu dir an den Merchtisch kommt und sagt, er/sie habe es als intensiv empfunden, dann ist das ein großes Kompliment.

MM: Dann hoffen wir, dass Ihr viele Komplimente erhalten werdet und unser Festival einen energischen Auftritt erleben darf.

Karsten Richter