Zurück in die Zukunft mit Schildkrötenthomas…

… ein kleiner sentimentaler Rückblick auf das Konzert von Dyse, Tour De Force und Minus Hope am 25. Februar 2017 im Eastclub Bischofswerda.

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Dyse /// live /// Eastclub Bischofswerda /// 25.02.2017

Am gestrigen Samstag begab ich mich auf eine kleine Zeitreise, und ich glaube nicht nur ich. Ich bin mal so frei und hole ein wenig aus. Als ich mich Ende der 90er in die DIY Kultur der vornehmlich lokalen bis regionalen Punk/HC-Szene treiben ließ, gab es im östlichen Umland von Dresden noch eine ganze Reihe unangepasster Kids, die in schäbigen Garagen und Kellern ganz passable Bands gründeten. Ich konnte weder singen noch ein Instrument spielen, aber ich hab mich seinerzeit immer gefragt, wie man es schaffen könnte, gute Konzerte ins sonst so triste Dörfchen zu zaubern. Und da DIY ja heißt, dass man es einfach mal probieren sollte, begann ich im Eastclub Bischofswerda, einer kleinen anarchischen Oase der Subkultur, wo sowas auch ohne große Probleme möglich war, seinerzeit eben jenen Musikern kleine Shows zu organisieren. Und so traf Eins das Andere, und ich entsinne mich an dieses kleine Festival mit u.a. Strange Corner und Kafka aus Italien, den 4 Sivits und eben auch Tour De Force aus Großröhrsdorf.

Letztere traf ich in einer dieser musikalischen Garagen des Rödertals, und dabei klangen die ganz und gar nicht nach der üblichen lokalen Piefigkeit, sondern eher nach Snapcase, At The Drive In und all diesen neuen US-Bands, die die Klischees ignorierten und einen eigenwilligen New School Hardcore erschufen. Das war damals schon seiner Zeit voraus und klingt heute immer noch zeitlos. Der Band folgte ich eine ganze Zeit, ihre erste 7″ wurde mehr oder minder mit den Shows im Eastclub finanziert, und bei jedem Konzert und mit jedem neuen Song überzeugten sie mehr und mehr. Als jedoch ihr Ausnahmegitarrist André von der damals hart gepushten Band Krieger abgeworben wurde, lösten sie sich auf, da sie ohne ihn nicht weiter machen wollten. Krieger sind mittlerweile auch schon lange Geschichte, die Jungs sind aber stets Kumpels und verdammt gute Musiker geblieben. Und so sah Dresden letzten Herbst eine Reunion Show von Tour De Force, der nun gestern die Rückkehr zu ihren Wurzeln in Bischofswerda folgte.

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Tour De Force /// live /// Eastclub Bischofswerda /// 25.02.2017

Eine andere Erinnerung: Dresden, Robert Matzke Strraße, Minus 20 Grad, Schneetreiben, Roerhedds und Fluid auf Tourstop im Keller des besetzten Hauses. Eine Show bei der so ziemlich alles schief ging, was schief gehen konnte. Stromausfall, kein Veranstalter vor Ort, dafür die Anwesenden komplett ahnungslos. Als dann endlich mal die Technik lief und der Bollerofen die klirrende Kälte zu besiegen begann, ließen die Jungs ihren Frust über diesen  missglückten Abend auf der Bühne raus. Die Roerhedds waren seinerzeit die kleinen, ostdeutschen Brüder der Melvins – heftigster Amrep-Noiserock, der es mit seiner Sperrigkeit stets schwer hatte, die Masse zu erreichen, und vielleicht auch deshalb qualitativ eine andere Liga bediente, als die komplette lokale Bandszene es zu tun pflegte. Nach der Show meinte ihr Frontmann  André damals zu mir: „Seit 8 Jahren bin ich mit der Band unterwegs, und ich dachte solche verkorksten Nummer hab ich langsam mal hinter mir. Wir nehmen noch einen Anlauf, spielen paar neue Songs ein und versuchen es nochmal. Wenn das nicht fruchtet, schmeiß ich das alles hin.“

Ich meinte, ich könne ja versuchen, ein paar Demos weiter zu reichen. Vielleicht finden sie ja darüber mal den richtigen Deckel zum Topf. Wenig später lag da eine Tüte mit einer Handvoll Promo-CDs im Briefkasten, für die sie sich nun in Volt umbenannt hatten. Auch dabei waren noch ein paar Aufnahmen von Andrés neuem Nebenprojekt namens Dyse. Er meinte dazu, dass er mit Jari von Rodeo Queen da mal was Neues probieren wolle, und die Chemie zwischen den Beiden ganz gut wäre, und vielleicht könnten sie ja mal im Eastclub spielen. Die Volt-CDs schickte ich an Andreas Kohl, der Exile On Mainstream Records betrieb und nebenbei noch den Vertrieb von Southern Records und deren angeschlossenen Lables in Europa managte. Als ich in fragte, ob er sich denn das mal anhören möchte, und dass ich an die Band glauben würde, meinte er, er hätte grad kein Geld mehr, in näherer Zukunft noch was rauszubringen. Aber wenn ich meinen würde, dass es sich lohnt, solle ich mal was rüber schicken, und er versuche es weiterzuempfehlen.  Ein paar Wochen später rief er an, und meinte, dass ich ihm doch hätte gleich sagen sollen WIE geil diese Band da ist, und dass man das Ding einfach rausbringen  müsste.

HMS07Und so erschien alsbald dann doch die erste Volt-EP in einer schicken Blechdose. Leider trennten sich die Wegen des Trios nach dem drauf folgenden Longplayer aufgrund persönlicher Differenzen, aber in ihrem Windschatten nahmen Dyse erst so richtig Fahrt auf, deren Debüt-Album auch direkt auf demselben Label folgte. In Verbindung mit ihren sagenumwobenen Liveshows sorgte das Duo schnell für Furore. Die erste EU-Tour fuhren Dyse dann im weißen Ford Transit des Eastclub, und ihr einziges echtes Gastspiel ebenda war dann im Rahmen des „Hören mit Schmerzen“ Festivals – übrigens mit einem Lineup, welches sage und schreibe neben ihnen u.a. Amenra und War From A Harlots Mouth beinhaltete.

Sie machten dann ihren Weg, tourten weltweit, standen im Vorprogramm der Ärzte auf den größten Bühnen des Landes und spielten die abgefahrensten Festivals an den wildesten Locations, ohne dabei jemals die Bodenhaftung zu verlieren. Und so meinte Jari gestern, dass er es schon schade fand, dass man ihn lange nicht gefragt hätte, ob er denn mal wieder in Bischofswerda spielen möchte, und wie sehr sie sich freuen, nach zehn Jahren mal wieder im Städtchen mit ihren alten Weggefährten zu feiern.

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Dyse /// live /// Eastclub Bischofswerda /// 25.02.2017

All das nebst einer Vielzahl altbekannter Gesichter, zog gestern so vor meinem geistigen Auge vorbei, weswegen diese erste echte Tumult Produktionen Show irgendwie mehr war, als nur ein weiteres Konzert. Schön dass es den Laden noch gibt, schön, dass die kreativen, bunten Typen von einst noch leben, sich ihrer Sache nach wie vor bewusst sind, und mal wieder so zahlreich zusammenfanden.  Der Vibe stimmte! Wunderbar, dass sich noch ein wenig Leben regt vor den Toren von Dresden.